eMobilität nach Maß

Kommunal & Entsorgung

eMobilität nach Maß

Die Umbau-Profis von Mercedes-Benz Custom Tailored Trucks haben wieder einmal einen Spezialauftrag: Für den australischen Markt wird ein eEconic benötigt, den es so noch nicht gibt. Der Ausbau der eMobilität stellt die Molsheimer Kollegen immer wieder vor spannende Herausforderungen – aber unmöglich? Ist weder dieser Auftrag noch die nächsten, sagen sie.

Custom Tailored Trucks macht eEconic fit für Australien

Ein seltener Gast

Wie alle eEconic, kommen auch die Fahrzeuge, um die es in diesem Beitrag geht, vom Band der größten Lkw-Fabrik Europas – dem Mercedes-Benz Werk in Wörth. Ihre endgültige Form bekommen sie erst 100 km weiter südlich, im – manche würden vielleicht sagen – verschlafenen Teil des beschaulichen Elsass. In der knapp 10.000 Einwohner kleinen Stadt Molsheim sind die betriebsamen Werkstätten von Mercedes-Benz Custom Tailored Trucks (CTT) zu finden.

Bei CTT wird traditionell an der Zukunft geschraubt. Doch diesmal richtet sich der vorwärtsgewandte Blick auf ein Fahrzeug, das bislang nur selten auf den Standplätzen in der Prototypen-Werkstatt zu finden war: einen eEconic.

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Der Grund für den Besuch des seltenen Gasts bei CTT ist, dass in Australien die Uhren anders ticken. Nicht nur, was die Zeitverschiebung betrifft, sondern auch in Hinblick auf die Verkehrsvorschriften. Bei dem Umbau steht viel auf dem Spiel: Schlussendlich geht es darum, den australischen Entsorgungsunternehmen den Umstieg auf die eMobilität zu ermöglichen.

Ein neues Konzept, auf Erfahrung gebaut.

Der Knackpunkt: Mit dem serienmäßig hergestellten eEconic können die Entsorgungsunternehmen in Australien aufgrund von abweichenden Berechnungsgrundlagen nicht die maximale Nutzlast ausschöpfen. Bisher werden die Container mit Econic auf Diesel-Basis mit zwei angetriebenen Hinterachsen (6x4) transportiert. Der eEconic ist, Stand heute, serienmäßig jedoch nur mit dem Radstand 6x2/4 verfügbar.

Ein eEconic als Entsorgungsfahrzeug steht in einer Großstadt.

Du interessierst dich für den eEconic?

Die Lösung: eine doppelbereifte Nachlaufachse. Ein Konzept, dass die CTT-Profis aus der A-Baureihe – genauer gesagt vom eActros – übernommen haben, die in der Regel die Standplätze in Molsheim belegt. Die neue Achse erlaubt es, die Last der Aufbauten so zu verteilen, dass sie den Anforderungen der australischen Behörden genügt.

Ein Mercedes-Benz Econic-Truck steht in einer Werkstatt, teilweise demontiert, mit Sicht auf das Chassis und verschiedene Fahrzeugkomponenten im Hintergrund. Ein ganzes Stück Arbeit: der umgebaute eEconic in der Prototypen-Werkstatt von CTT. Vorn die ausgebaute serienmäßige Achse.

Technische Herausforderungen: gemeistert.

Die doppelbereifte Nachlaufachse ist aber nicht die einzige Modifikation am neuen eEconic. Um die Fahrzeuge fit für Australien und die Abfall-Container zu machen, hat das CTT-Team außerdem den Radstand des eEconic von serienmäßigen 4 m auf 4,6 m verlängert.

Aufgrund der bislang seltenen Modifikationen von eEconic hat der Umbau die Molsheimer Mechaniker zwar vor gewisse (elektro-)technische Herausforderungen gestellt, allerdings konnten sie auch hier auf ihre Kenntnisse aus der A-Baureihe – also Actros, Arocs, Antos und Atego – zurückgreifen, auf die sie sich über die Jahre spezialisiert haben.

In einer Werkstatt sind mehrere orangefarbene Mercedes-Benz Econic-Lkw in verschiedenen Stadien der Montage zu sehen, während Mechaniker an den Fahrzeugen arbeiten. Seite an Seite: Umbauten aus der A-Baureihe im CTT-Werk Molsheim.

Mehr als 300.000 Umbauten sind Geschichte.

Nun ist jener eEconic mit doppelbereifter Nachlaufachse lediglich einer von zehn. So viele Fahrzeuge hat der australische Kunde nämlich insgesamt in Auftrag gegeben. Wenn das Vorbild im sogenannten Proto-Atelier fertig ist, wandert die minutiös dokumentierte „Bauanleitung“ in Form von Codes und Zeichnungen in diesem konkreten Fall zurück nach Wörth und wird dort von den Kollegen vervielfacht. Sonst passiert auch das in Molsheim.

Arbeiten wie die am eEconic verrichtet das CTT-Werk mittlerweile schon knapp 23 Jahre lang. Seit der Gründung von CTT im Jahr 2000 sind in der elsässischen Kleinstadt rund 22.000 Lkw-Achsen verbaut worden. 2023 hat das Werk Molsheim sein 300.000. umgebautes Fahrzeug feiern können.

“Der Vorteil für den Kunden liegt auf der Hand: Time-To-Market. Anfrage – Liefern.”

Alain Hirtz, Teamleiter Marketing und Sonderumbauten, Daimler Truck AG

Das Prinzip CTT.

Warum gibt es CTT in Molsheim überhaupt? Der Teamleiter der Abteilung Marketing und Sonderumbauten, Alain Hirtz, erklärt die Vorteile des Fertigungsprozesses gegenüber der Serienproduktion: „Wenn Sie ein neues Fahrzeug entwickeln, brauchen sie eine ganz lange Periode zur Industrialisierung. Sie müssen diese Entwicklung so organisieren, dass sie sich für ein Fließband, an dem 400 Fahrzeuge pro Tag produziert werden, eignet.“

Anders beim Werk im Elsass: „Bei CTT haben Sie zwar auch Entwicklungszeit, Sie müssen auch Prototypen herstellen und testen, die Qualität muss sichergestellt sein“, stellt Alain Hirtz klar. „Aber wir benötigen diese lange Periode der Industrialisierung nicht, wir schaffen das in einer ganz kurzen Zeit. Der Vorteil für den Kunden liegt auf der Hand: Time-To-Market. Anfrage – Liefern.“ Das ist das Prinzip CTT.

Agil in der Mobilitätswende.

So sehr die Ingenieure und Mechaniker von CTT beim eEconic auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreifen konnten, so vielfältig sind die Herausforderungen, vor die sie der Paradigmenwechsel eMobilität stellt. Erst im vergangenen Jahr hat CTT mit den ersten Umbauten von E-Fahrzeugen begonnen. Und die Anpassung des Verbrenner-Portfolios auf Zero Emission, auf die emissionsfreien Fahrzeuge, wird die Molsheimer noch eine ganze Zeit lang begleiten.

„Wir werden jetzt von Tag zu Tag an die Märkte gehen, und die Märkte kommen auch zu uns und fragen die Lösungen an, die sie über die Serie nicht kriegen“, erklärt Alain Hirtz. Das Battery Electric Vehicle (BEV) gibt es in unterschiedlichen Varianten, aber natürlich nicht genügend für jede weltweite Spezifizierung. „Und das heißt, wir werden das komplette Produktportfolio für BEV ergänzen.“

An Umbrüche gewöhnt.

Was das an Aufwand bedeutet, ist nicht zu unterschätzen. Durch die neuen elektrischen Komponenten werden tausende Bauanleitungen und Muster (etwa 2.800 Codes), die über die Jahre gesammelt wurden, mit einem Mal obsolet. „Wir fangen an manchen Stellen bei null an“, sagt der Teamleiter der Abteilung Marketing und Sonderumbauten.

Und damit noch nicht genug: Denn im neuen Jahr steht überdies die Anpassung der Serie auf die General Safety Regulations (GSR) der Europäischen Union an – eine ganz neue elektrische Architektur, bei der unterschiedlichste und komplexe Sensoren verbaut werden, mit denen alle erst noch Erfahrungen sammeln müssen.

Dass CTT diesen Umbruch bewältigen wird, steht für Alain Hirtz außer Frage. Nicht zuletzt waren die Profis für maßgeschneiderte Fahrzeuge beim Übergang zum Strategic Future Truck Program (SFTP) schon einmal mit einer Generalüberholung ihres Portfolios konfrontiert – und haben auch dabei zuverlässig abgeliefert. Wie der Econic.

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